Wie es zur Gründung des privaten Steinbrücker Krankenhauses kam


-Am 27. Oktober 1896 öffnete die Klinik in der Dillenburger Straße ihre Pforten-

Steinbrücken trug zur Wirtschaftgeschichte des heimischen Raumes ein nicht unbedeutendes Kapitel bei, als das Berg-und Hüttenwesen an Dietzhölze, Dill und Lahn von hier aus gelenkt wurde. Doch nicht Hammerwerke, Hütten und Gruben sind Anlaß dieses Beitrages zur Geschichte Steinbrückens, sondern – ein Krankenhaus. Welche Zufälle und Glücksfälle trafen zusammen und auf wessen unternehmerisches Handeln ist dieses heute ungewöhnlich anmutende Unternehmen, der Bau eines privat betriebenen Krankenhauses in einem 350-Einwohner-Ort, zurückzuführen.

Man kommt auch bei diesem Kapitel Steinbrückener Geschichte nicht an Eisenhütten und damit an der Familie Jung vorbei, deren Stammbaum um das Jahre 1500 in Grund bei Hilchenbach beginnt. Aus diesem sich später weit verzweigenden Geschlecht ist für Steinbrücken das Hüttenwesen und letztlich auch für das Krankenhaus zunächst Johann Jakob Jung bedeutsam. Er wurde 1779 in Müsen bei Kreuztal geboren. Aus seiner Ehe mit Catharine Amalie Becker (geboren 1782 in Dillenburg) gingen acht Kinder hervor. Sohn Jakob (geboren 1814 in Steinbrücken, gestorben 1890 in Steinbrücken) heiratete Louise Autschbach aus Fischelbach. Von den vier Kindern aus dieser Ehe heiratete Tochter Thusnelda im Jahre 1875 als Sechzehnjährige den Arzt Dr. Karl Neuschäfer. Hier beginnt die Geschichte des Steinbrückener Krankenhauses.

Dr. Karl Neuschäfer wurde am 15. September 1850 in Laubach/Kreis Gießen geboren. 1873 ließ er sich als Nachfolger eines Dr. Alberts als Arzt in Straßebersbach nieder. Nach der Heirat verlegte er seine Praxis nach Steinbrücken in das Anwesen Dillenburger Straße 70 (nach heutiger Nummerierung). Dieses Haus und das direkt anschließende Gebäude, genannt Villa, zählten zum umfangreichen Haus-und Grundbesitz der Familien Jung beziehungsweise Neuschäfer in Steinbrücken. Der Bau der Villa war das erste Werk im umfangreichen Schaffen Dr. Neuschäfers, der neben seiner Praxistätigkeit auch noch Herr eines größeren landwirtschaftlichen Betriebes in Steinbrücken war.
”Ich habe hier ein neu erbautes Krankenhaus für chirurgische und Frauenkrankheiten eröffnet. Steinbrücken, den 27. Oktober 1896. Dr. Neuschäfer“ - diese Anzeige erschien am 31. Oktober 1896. Dr. Neuschäfer hatte fast parallel die Ville und das Krankenhaus errichtet. Das Gebäude findet man heute in äußerlich unverändertem Zustand am nördlichen Ortsausgang Steinbrücken in Steinwurfweite zur Villa.
Den Kraftakt ”Bau zweier Häuser zu fast gleicher Zeit“ ermöglichten auch die Mitgift beziehungsweise die Einkünfte seiner Frau aus den Anteilen an den Hütten. Das zweistöckige Gebäude mit ausgebautem Dachgeschoß gliederte sich in zwanzig Räume, umgeben war das Haus von einem ca. 800 Quadratmeter großen Hof sowie einem parkähnlichen Garten von 1000 Quadratmeter. In einem Nebengebäude waren Garagen, Waschküche und weitere Versorgungsräume untergebracht.

Der ”Bezirk Straßebersbach“ der Allgemeinen Ortkrankenkasse Dill“ dessen Versorgung Dr. Neuschäfer oblag, reichte von Rittershausen bis Wissenbach und von Weidelbach bis Hirzenhain. Man stelle sich heute eine Fahrt mit der Pferdekutsche im Winter von Steinbrücken nach Weidelbach oder Hirzenhain vor. Im Jahr 1885 wurde er zum Kassenarzt berufen, so daß die Belegung seines Hauses gesichert war.
Im August 1895 wurde ihm von einem Bezirksausschuß in Wiesbaden das Führen einer Abteilung für Privatpatienten erlaubt. Die Strapazen der Hausbesuche (und die mühevollen Wege der Patientenin die Steinbrückener Praxis) und wohl auch sein unternehmerisches Wesen führten bei ihm schließlich zum Entschluß des Krankenhausbaus.


Einen Einschnitt brachte der Erste Weltkrieg. Das oft zu hörende ”Das war im Ersten Weltkrieg ein Lazarett“ ist zwar korrekt, aber bereits im April 1915 gab Dr. Neuschäfer bekannt, daß ”das hiesige Teillazarett auf meinen Antrag aufgelöst wurde…..etwaige Zuschriften nur an das Reservelazarett Dillenburg richten.“

Der wirtschaftliche Niedergang nach dem Ersten Weltkrieg ließ den Betrieb eines Krankenhauses nicht mehr zu. Hinzu kam die Konkurrenz durch das Dillenburger Krankenhaus und die zunehmende Motorisierung. Aus dieser Zeit ist der Satz ”Do kimmt en Waa ohne Gäul“ überliefert, wenn Dr, Neuschäfer oder sein Schwiegersohn Dr. Schäfer mit einem Kraftwagen die Straßen befuhren.
Im Jahre 1907 heiratete Dr.med.Hugo Schäfer (geboren 1876 in Wetterfeld bei Laubach/Kreis Gießen) eine Tochter Dr. Neuschäfers und trat in die Praxis und in das Krankenhaus seines Schwiegervaters ein. 1911 zog sich Dr. Neuschäfer aus dem Tagegeschäft weitgehend zurück - ”...mit dem 1. Januar habe ich Herrn Dr. Schäfer….meine sämtlichen Vertragsverhältnisse übergeben und werde von jetzt ab in meinem Krankenhaus….nur an Werktagen vormittags von 9 bis 10 Uhr Sprechstunde abhalten, vorherige Anmeldung erbeten. Dr. Neuschäfer, Sanitätsrat.“

Die ursprüngliche Aufgabe dieses markanten Steinbrückener Gebäudes war Mitte der zwanziger Jahre erfüllt. Aus dem Krankenhaus wurden Wohnräume, im Kellergeschoß wurden Praxisräume eingerichtet.
In der Zeit prekärer Wohnraumsituation nach dem Zweiten Weltkrieg war das Krankenhaus ein gefragtes Wohngebäude. Ein Haus ohne Ärzte wurde das Gebäude erst Mitte der fünfziger Jahre. Bis dahin praktizierten hier Dr. Hugo Schäfer und Dr. Hellmuth Krencker in einer Praxisgemeinschaft sowie der Zahnarzt Dr. Eduard Kehler. Dr. Martin Schäfer, Dr. Hugo Schäfers Sohn, stand als Praxisnachfolger seines Vaters bereit, er starb im Jahre 1945 in Bad Gastein an Fleckfieber. An seine Stele trat Dr. Krencker, Martin Schäfers Bekannter aus gemeinsamer Zeit bei der Wehrmacht.
Dr. Karl Neuschäfer starb am 27. Januar 1927. ”Aus allen Himmelrichtungen waren sie herbeigeeilt, die Dillenburger Stadtkapelle spielte, Kommerzienrat Gustav Jung von der Neuhütte, Hüttendirektor Jung von der Eibelshäuser Hütte, Rotes Kreuz, Gemeinderat, Bürgermeister Henrich, Landrat Dr. Bünger – und dann rollte eine dreifache Salve über den von Blumen erdrückten Grabhügel, die schönste und letzte Ehrung, welche der Steinbrücker Kriegerverein dem entschlafenen Kameraden gab. - Requicat in pace -“, berichtete die Lokalpresse von der Beerdigung.

Nicht wenige der heutigen Steinbrückener der mittleren und älteren Generation waren Patienten von Dr. Gugo Schäfer, einen Azrt von ungewöhnlich gutmütigem und freundlichem Wesen. Eine Besonderheit in seiner Praxis war: der Hund des passionierten Jägers Dr. Hugo Schäfer lag während der Sprechstunden regungslos unter seinem Schreibtisch.
Das Gebäude, in der Steinbrückener Umgangssprache noch immer ”das Krankenhaus“, wurde vor wenigen Jahren von den ursprünglichen Besitzerfamilien verkauft und dient, wie schon seit Jahrzehnten, als Wohnhaus.
Hundert Jahre Krankenhaus wäre nicht korrekt, da aber am 27. Oktober 1996 diese Haus hundert Jahre alt wurde, seien die Steinbrücker an dieses besondere Datum und an zwei Ärzte erinnert, die mit ihrem Dorf auf das engste verdunden waren: der Geheime Sanitätsrat Dr. med. Karl Neuschäfer und Dr. med. Hugo Schäfer.
Lokalzeitung vom 26. Oktober 1996 Josef Heisinger




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