Der Fremdenverkehr

Im Jahr 1925 wurde in Steinrücken die erste Fremdenpension eröffnet. Das Dorf ist somit der älteste Luftkurort des Dillkreises. 1929 wurde Steinbrücken schon von rund 200 Feriengästen aufgesucht. 1962 weilten hier 1068 Gäste, es wurden 18758 Übernachtungen registriert. Heute steht in Steinbrücken auf je 5 Einwohner ein Gastbett zur Verfügung. Wennman bedenkt, daß in den Alpen beispielsweise ein Gastbett auf 12 Einwohner als sehr günstig bezeichnet wird, dann hat Steinbrücken eine ungewöhnlich hohe Übernachtungskapazität. Die Werbung kann sich im allgemeinen auf die Empfehlung durch die eingeführten Gäste beschränken. Die Nachfrage nach Betten war in den Sommermonaten bisher immer größer als die Unterbringungsmöglichkeit.

Bereits 1931 wurde zur Förderung des Fremdenverkehrs der Heimat- und Verkehrsverein Steinbrücken gegründet. Bei den hessischen Wettbewerben „Unser Dorf soll schöner werden“ errang die Gemeinde 1957 einen Ehren- und 1959 einen Sonderpreis. Seit 1970 wurde von freiwilligen Helfern aus der Ortschaft ein Waldlehrpfad aufgebaut. Alle dort stehenden Baum- und Straucharten, darunter viele ausländische, sind gut lesbar beschildert, und auf Holztafeln werden Maßnahmen des Vogelschutzes und der Forstnutzung erläutert.
Der Pfad ist mit viel Idealismus und persönlichem Einsatz erstellt worden. Der in der Nähe liegende Aussichtsturm „Wilhelmswarte“ wurde zu einem Gartenlokal eingerichtet. Den Ortseingang ziert die lshibashi-Anlage mit ihrer hohen japanischen Gartenkunst. Japanische Steinlaternen, ein Gedichtstein mit Heiku-Gedicht und japanische Kirschblütenbäume zeugen von der Verbindung Ishibashi-Steinbrücken und von den guten Beziehungen zwischen unseren Ländern. Im Sommer 1972 fand die Einweihung des Erholungszentrums Hammerweiher statt, wo unter großen finanziellen Kosten Badegelegenheiten und parkartige Anlagen mit Ruhebänken geschaffen worden sind.
Steinbrücken hat keine besonderen Attraktionen zu bieten, aber das Dorf ist hinsichtlich seiner Umgebung noch eine „Oase der Stille“.
Die an sich schöne Landschaft hat viele Vorzüge: Feld, Wald, Wiesen, Weiher, kleine Wasserfälle. Ihre Vielseitigkeit spricht Menschen aller sozialen Schichten an. Die Gäste kommen in erster Linie aus dem Ruhrgebiet, und viele von ihnen besuchen den Ort seit einem Menschenalter regelmäßig immer wieder.

Maimann und Pfingstbraut

Von mancherlei alten Brauchtumsformen hat sich der Umzug des Maimannes und der Pfingsbraut in Steinbrücken am besten erhalten. Am Morgen des ersten Pfingsttages ziehen die Schulbuben in den Wald, um junges Buchenreisig zu holen. Es wird in Bündel gebunden und in einer Scheune niedergelegt. Gleichzeitig sind birkene Bindereiser mitgebracht worden. Am Morgen des zweiten Pfingsttages beginnt die eigentliche Arbeit. Die Buben haben sich schon längst einen großen, kräftigen Jugendlichen gesichert, der den Maimann darstellen soll. Er hat eine schwere Aufgabe und erhält eine besondere Entlohnung in Geld und Eiern. Niemand im Dorf außer den Beteiligten darf wissen, wer der Maimann ist. Ganz auf Umwegen hat sich darum der Bursche, oft über verschiedene Gartenzäune hinweg, in die Scheune geschlichen. Hier wird er nun von Kopf bis Fuß so in Mailaub eingebunden, daß nichts mehr von ihm sichtbar ist. Die Birkenrute binden recht fest, ohne allzu sehr ins Fleisch einzuschneiden. Trotzdem muß sorgfältig gebunden werden, damit die Zweige auf dem langen Weg durch das Dorf nicht rutschen. Darum wird der Maimann von ein paar Erwachsenen gebunden, die sich besonders gut darauf verstehen. Zuletzt wird das Holzkreuz befestigt. Es ist ein kreuzförmiges Gestell und wird mit Flieder und bunten Bändern geschmückt. Es steckt so im Laub auf dem Rücken des Maimannes, daß man nicht den Eindruck eines aufgesetzten Kreuzes hat, sondern den einer Riesengestalt mit ausgebreiteten Armen. Schließlich nimmt der Maimann einen derben Knüppel in die Hand.
Das Scheunentor öffnet sich. Von zwei Buben geleitet, tritt er heraus und zieht von Haus zu Haus. Der Maimann trägt einen Schwanz, der aus ein paar zusammengebundenen, belaubten Reisern gefertigt ist. An diesem Schwanz hängt eine Kuhglocke wie sie zum Herdengeläute gehört. Hinter dem Maimann gehen alle Schulbuben, tragen Körbe für Eier,
Eimer für Mehl und einen Offiziersdegen für Speck. Mit dem Maimannslied fordern sie diese Gaben von den Familien:


Wir haben einen hübschen Maimann,
der weiter nichts speisen kann als Speck, Eier und Wurst.

Das gibt einen sauren Durst.
In diesem Haus in jedem Haus, Speck und Eier heraus,

sonst schlagen wir dem Hahn den Schwanz aus!
Jakob wirf einen Teller heraus!


Unterdessen haben die Mädchen die drei kleinsten aus dem ersten Schuljahr ausgewählt und sind mit ihnen zur Handarbeitslehrerin gegangen, die nun die Kleinen nach alter Gewohnheit als Pfingstbräutchen herausputzt. Die Bräutchen gehen ganz in weiß gekleidet und tragen einen bunten Blumenkranz im Haar. Sie sind ebenfalls mit bunten Bändern geschmückt und halten in den Händen einen Blumenstrauß. Die mittelste ist die eigentliche Pfingstbraut, die beiden anderen heißen „Topfdeckel“ und „Gießkanne“. Sie haken sich unter und werden nun von den großen Mädchen auf gleiche Weise wie der Maimann durch das Dorf geführt.
Meistens beginnen die Buben an dem einen, die Mädchen am anderen Ende des Dorfes ihren Umzug. Irgendwo in der Mitte stoßen sie dann aufeinander, wobei es zu einem neckischen Streitgespräch kommt. Der Maimann macht drohende Schritte auf die Pfingstbräutchen zu, die schreiend zurückweichen. Das Streitgespräch ist Sinnbild für die
Ablösung des Winters durch den Sommer, wobei der Maimann den Winter verkörpert. Von daher ist auch der Name der Pfingstbraut-Begleiterinnen zu verstehen, die früher Topfdeckel und Gießkanne als Lärminstrumente mit sich führten, um damit den Winter zu verjagen.
Nach seinem Rundgang geht der Maimann in die Scheune zurück, wird abgebunden und entfernt sich wieder ungesehen. Auch die Bräutchen werden wieder abgeputzt. Irgendwo werden Tische und Stühle im Freien aufgestellt, und die Mütter backen von den gesammelten Gaben nachmittags Eierkuchen. Sie werden mit Heißhunger verzehrt, denn kein Kind hat an diesem Tag vorher schon etwas gegessen.